28.02.2020 - 20:29 Uhr
Franz Fischer
Nr. 6935
1.590

Forscherin empfiehlt Blick auf kleine Inselstaaten

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(Berlin) - In Port Louis, der Hauptstadt von Mauritius im Indischen Ozean, gibt es eine S-Bahn-Linie und einige Buslinien für 150.000 Einwohner. Doch in Deutschland komme die Verkehrswende nicht voran. Dabei können die Inselstaaten Vorbild für die Verkehrswende sein, schreibt das Online-Magazin klimareporter°.

In Deutschland laufe die Verkehrswende nicht an. Dabei zeigten Umfragen, dass die meisten Menschen grundsätzlich dafür sind, klimafreundlicher von A nach B zu kommen. Laut einer Umfrage im Auftrag des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung gaben 69 Prozent der 7.000 Befragten an, Bus- und Bahnspuren zu befürworten. Dem Ausbau von Fahrradwegen stimmte noch die Hälfte zu, selbst wenn dafür Autoparkplätze wegfallen. Drastischere Eingriffe in die Autonutzung wurden hingegen kritischer gesehen. Doch in der Praxis gestalte sich die Erprobung des Lebens ohne oder zumindest mit weniger Autos oft schwierig.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Zakia Soomauroo hat nun in einer Studie vorgeschlagen auf kleine Inselstaaten zu schauen. Dort gelinge die Verkehrswende, wie Soomauroos Forschungsergebnisse zu Mauritius im Indischen Ozean, Fidschi im Pazifik und Barbados in der Karibik nahelegten. Dort lebt der Großteil der Bevölkerung in wenigen Städten. Die Straßensysteme sind eher klein und infolge des Autobooms oft verstopft. Wie Soomauroo und ihre Ko-Autoren feststellen, sind das gute Bedingungen für öffentlichen Verkehr kombiniert mit Elektroautos. Am wichtigsten sei aber, das die Hauptinseln der kleinen Staaten komplett von anderen Verkehrssystemen abgeschnitten sind.

"Ich komme aus einem kleinen Inselstaat, nämlich Mauritius", erzählt Soomauroo dem klimareporter°. In Berlin könne sie nachts um vier Uhr in eine U-Bahn steigen. Bei ihrer Großmutter in Mauritius gebe es oft nicht mal einen Bus um neun Uhr abends. Kleine Inselstaaten seien gut für intelligente erneuerbare Verkehrssysteme geeignet und könnten Vorbilder sein. Doch in Deutschland gebe es zu viel Widerstand, meint die Ökonomin.

Verkehrssoziologe Andreas Knie von der TU Berlin kann Soomauroos Ansatz einiges abgewinnen. Deutschland brauche experimentelle Räume, die räumlich und zeitlich abgetrennt sind. Theoretisch könnte man einzelne Viertel oder kleine Städte innerhalb eines Projekts zeitweise wie Inseln behandeln und neue Wege der Fortbewegung ausprobieren. Doch allzu oft gebe es schon vorab Widerstände, berichtet Knie aus seiner Forschungspraxis. Die örtlichen Behörden befürchteten, dass die Anbindung an das restliche Verkehrssystem leiden könne. Oft sorgte man sich um Pendler. Ob sich Pendler am Carsharing-System beteiligen, an autofreie Straßen oder anderen Innovationen stören würden finde man so niemals heraus.

Deutschland habe sich über Jahrzehnte in ein Gefangenendilemma hineinmanövriert. Gesetze, Infrastruktur, Industrie und Gesellschaft sind so stark auf das private Auto ausgerichtet, dass sich kaum jemand traue, auch nur probehalber aus dieser Ordnung auszusteigen. Dieses Problem hätten Fidschi, Mauritius, Barbados und andere kleine Inselstaaten weniger. Die wichtigste Industrie der Inselstaaten sehe den ökologischen Wandel positiv: Der Tourismus. Man habe die Erfahrung gemacht, dass Reisende in Experimentierlaune seien, so der Verkehrswissenschaftler.

Eine eigene Autoindustrie haben die Inseln auch nicht und fossile Treibstoffe müssten teuer importiert werden. Die Inselstaaten sind auch von anderen Verkehrssystemen getrennt sowie vom Einfluss der fossilen Industrie.

"Die Technologien, die nötig wären, gibt es schon", meint Soomauroo. Es sollte deshalb einen stärkeren Wissens- und Geldtransfer hin zu den kleinen Inselstaaten geben, damit die Welt von den Inselstaaten lernen kann.


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